Sonntag, 22. Februar 2015

Karneval der Schwarzen und Weißen in Pasto

„Wir sind umgeben von Kultur, Farbe, Papier und allem, was mit Kunst an sich zu tun hat. Zum Karneval zurückzukehren und mittendrin zu sein, ist eine Lebensart. […] Wir sind Kinder geblieben und als Kinder spielen wir weiter im Karneval.“
(Lichter und Schatten des Karneval, Germán Zaruma, im Artikel „Die Kunsthandwerker“ von Carlos Riascos Erazo)


Zu Beginn des neuen Jahres 2015 haben wir einen fünftägigen Ausflug in die kleine Andenstadt Pasto gemacht, die ganz in der Nähe von Ecuador liegt. Dort findet jedes Jahr ein ganz besonderes Ereignis statt, nicht nur, weil es ein Riesenspaß für alle ist, sondern weil der „Carnaval de Negros y Blancos“ (Karneval der Schwarzen und Weißen) eine besondere Bedeutung für die Verständigung zwischen allen verschiedenen Kulturen hat, die sich hier in Kolumbien über die Jahrhunderte gesammelt und vermischt haben. Dazu zählen nicht nur die Spanier, die Ende des 15.Jahrhunderts Kolumbien eroberten, sondern auch die Afrikaner, die zum Teil als Sklaven über den Karibikhafen in Cartagena nach Kolumbien gelangt sind. Nicht zu vergessen sind die ursprünglichen Kulturen, die die indigenen Völker, also die Ureinwohner Kolumbiens, schon vor allen kulturellen Einflüssen von außen gelebt haben.
Ursprünglich war das Ereignis ein Ritual der indigenen Dorfbevölkerung, damit der Gott des Mondes ihre Felder beschütze. Doch mit dem Einfluss der Spanier und der Schwarzen wurde das Fest mit der Zeit zu einem Karneval, der ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen soll.
Am 28. Dezember beginnt der Karneval mit einem Vorkarneval, bei dem es darum geht, alle Menschen so nass wie möglich zu machen. Am Kinderkarneval am 3.Januar findet ein Umzug für Kinder statt und am 4.Januar der Umzug der Familie Castañeda, einer Familie, die 1928 zu diesem Karneval einlud und zu deren Ehren man sich heute immer noch verkleidet und schminkt.
Der 5.Januar ist der Tag der Schwarzen, an dem alle sich gegenseitig mit viel schwarzer Farbe anmalen, dasselbe, natürlich mit weißer Farbe, findet dann am Tag danach, am Karneval der Weißen statt. Zusätzlich werden Unmengen an Schaum versprüht, vor dem sich keiner mehr retten kann.


Dazu kommt noch, dass alle sich mit Mehl und Talk einpudern, selbst die kleinen Kinder und die ältere Generation.



Nach unserer 10 stündigen Busfahrt, bei der sich aus Sicherheitsgründen immer eine ganze Kolonne an Bussen sammelt, um gemeinsam das von der Guerilla besetzte Gebirge zu überqueren, haben wir fünf Freiwilligen (Ruth, Magdalena, Daria, Nora und ich) mit Luis, der mit uns nach Pasto gekommen ist, bei einer Familie, die uns zwei Zimmer vermietet hat, gewohnt. Besonders großes Glück hatten wir mit unseren Nachbarn, mit denen wir an mehrern Tagen zusammen zu Konzerten und zu Karnevalsumzügen gegangen sind und mit denen wir eine wunderschöne Zeit hatten.
Dadurch, dass Pasto ein Andendorf ist, gab es viele Konzerte mit traditioneller Musik, das bekannsteste und inzwischen wichtigste Lied für den Karneval in Pasto ist La Guaneña, zu dem andinische Tänze getanzt werden und das auch bei vielen Umzügen während des großen Festes auf traditionellen Instrumenten gespielt wurde.

La Guaneña:
Hier sind zwei Videos von Karnevalsumzügen zu sehen:
Unsere kleine Reise in die kalte Bergstadt Pasto war ein wunderschönes Ereignis, es bleiben Bilder voller Puder und Schaum, aber besonders voller Farben, Tanz und Musik.




Samstag, 14. Februar 2015

Silvester unter explodierenden Puppen

Bisher sind wir immer nur nach Montebello zum Colegio de las Aguas gefahren, doch nun war ich dort, um den Jahreswechsel 2014/2015 zu feiern. Mit Ruth, Magdalena und Anna, drei Freundinnen und Mitfreiwilligen, haben wir die Familie eines Kolumbianers besucht und ich habe Montebello, das Dorf, in dem ich in Zukunft arbeiten werde, einmal von einer ganz anderen Seite kennengelernt. An einem „normalen“ Tag sind zwar viele Menschen in den Straßen unterwegs, doch nie hätte ich gedacht, dass so viele Menschen dort leben würden. Alle strömten aus ihren Häusern, um gemeinsam das Jahr 2014 mit allen schönen Erlebnissen und Erfahrungen zu beenden, aber auch damit abzuschließen, an das man sich nicht gerne erinnert. Was wird einen wohl im nächsten Jahr erwarten?
Von Montebello aus konnte man wunderschön auf ganz Cali schauen und die vielen Feuerwerke angucken. Die (verbotene) Tradition der Puppen, die mit Schwarzpulver gefüllt angezündet werden, um alles aus dem vergangenen Jahr, an das man sich nicht gerne erinnern mag, wortwörtlich in die Luft zu jagen, wurde in Montebello ohne Bedenken um die vielen Kinder ausgelebt. Ein lauter Knall folgte auf den Anderen und die vielen brennenden Puppen machten die Straßen, durch die wir alle liefen, nicht unbedingt angenehmer. Aber diese Tradition hat auch etwas Hoffnungsvolles, Ermutigendes.
Wir dürfen nicht vergessen, dass Montebello eines der ärmsten Viertel Calis ist und wir uns kaum vorstellen können, welche Gedanken und Erinnerungen das Dorf an das vergangene Jahr hat, welche bleiben und nie verschwinden werden. Noch nie habe ich so ein bedrücktes und bewegendes Silvester erlebt.

Weihnachten mit Salsaklängen

Wir kennen Weihnachten als das Fest der Familie, Ruhe kehrt ein, man singt Weihnachtslieder und jeder freut sich nach den vielen Keksen auf das traditionelle Weihnachtsessen. Nora und ich waren zu diesem besonderen Fest bei unserem Freund Luis eingeladen und waren ziemlich gespannt, welche Stimmung und welche Traditionen uns hier erwarten würden.
Zwischen dem 16. und 24. findet jeden Tag eine Novena statt, ein Beisammensein mit der ganzen Familie, um immer einen Teil der Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Es wird gebetet und die traditionellen Lieder gesungen, „ven a nuestras almas, ven no tardes tanto...“. „Komm in unsere Seelen, komm nicht so spät“.  
Die Novenas finden an den neun Tagen vor Weihnachten statt, weil damit an die neun Schwangerschaftsmonate der Jungfrau Maria gedacht wird. An einer dieser Novenas habe ich bei Luis und seiner Familie auch teilgenommen und auf zwei haben wir als Freiwilligengruppe in einem Kaufhaus gesungen. Ein Teil davon ist auf dem Adventskalendervideo vom 24.12.14 zu sehen (Spendenadventskalender-Blog mit vielen spannenden Geschichten, Fotos und Videos, das Passwort gibt es bei mir).
Als wir nun bei der Familie ankamen, erwartete uns ein Fest mit Salsamusik, zu der die ganze, große Familie mitgesungen hat, während alle Weihnachtsreis, Fleisch, Obstsalate und unsere selbst zubereiteten Salate und deutsche Leckereien genossen haben. Der traditionelle Weihnachtsreis ist zwar salzig, aber mit Panela (zubereiteter, brauner Zucker) gewürzt. Es wurde wieder gebetet und so langsam verstehen wir auch die selten benutzen Weihnachtsvokabeln wie zum Beispiel „Belen“ (Bethlehem). Von anderen Freiwilligen habe ich gehört, dass sie bei ihren Mentoren der Einsatzstelle oder von anderen Freunden eingeladen worden sind und zum Teil ein Fest gefeiert haben, das eher an Silvester erinnert hat. Es fanden Feiern mit Unmengen an Alkohol statt, zu denen ausgiebig Reggaeton getanzt wurde.
Unser Gasharn, der uns für ein paar Tage abgeschaltet wurde, weil wir nicht rechtzeitig die Rechnung bezahlt haben, wurde erst am Tag vor Heiligabend wieder aufgedreht, sodass wir alle auf die Schnelle noch Plätzchen, Zimtschnecken oder andere Leckereien zum Mitbringen zaubern wollten. Mit 30 Menschen in einer Küche mit zwei Öfen, jedoch nur einem Blech, ist das ein Stress, den ich so in Deutschland an Weihnachten vorher kaum erlebt hatte.
Die Stimmung am heiligen Abend war schön, sehr locker und entspannt, und wir haben uns alle sehr wohlgefühlt, obwohl immer noch nicht die gewohnte Weihnachtsstimmung aufkam, die wir uns vorher ein bisschen versucht haben aufzuzwingen. In unserem WG.-zimmer hatten wir eine Lichterkette, die sogar blinken konnte, aufgehängt, und natürlich habe ich auch Transparentpapiersterne für das Fenster gebastelt. Oft wurde ich gefragt, ob ich nicht das gewohnte Weihnachten in Deutschland vermisse, aber das kann ich nicht behaupten. Ich bin froh, dass es das Fest, so wie es ist, gibt, und ich es so kennenlernen durfte. Für mich ist es spannend zu sehen, wie wichtig Weihnachten hier ebenfalls ist. Ein bisschen überrascht war ich über den Kunstschnee im dauerhaft warmen Cali, der in allen Schaufenstern zu sehen war.
Gleich am Tag nach Weihnachten fing dann die Feria de Cali an, vielleicht das größte Fest Calis überhaupt. Es gab Unmengen an Konzerten, auf denen Salsa oder Bachata getanzt wurde. Jegliche Caleña-Spezialitäten (typische Leckereien aus Cali) wurden an allen Ecken verkauft und eine ganze Stadt war für ein Woche komplett im Feria-Modus. Es gab Umzüge mit riesigen Wägen, auf denen professionelle Tänzer Salsa getanzt, oder bekannte Bands gespielt haben.
All die Farben, die Tänze und die Musik formten zusammen eine unbeschreibliche und fröhliche Atmosphäre, die Cali einen besonderen Glanz verliehen hat. Immer wieder würde ich wieder kommen, um das noch einmal erleben zu dürfen.



Dienstag, 2. Dezember 2014

Adventskalenderaktion!

Liebe Helfer,
Seht doch mal unter der Rubrik "Spendenaktion" nach, denn dort gibt es Neuigkeiten:
Bei jeder Spende gibt es das Passwort für eine Sonderaktion, den Adventskalenderblog, den wir Freiwillige zusammen für Euch gestalten!
Jeden Tag im Advent erscheint dort eine Geschichte oder ein Video von unserem Leben hier und natürlich Fotos.
https://widget.helpedia.de/spenden-aktionen/musikraum-montebello?hash=ndz
Seid ihr dabei?
Eure Sophia und das Team "Musikraum Montebello"
Beim Weihnachtsbaumschmücken bei Luis, unserem Freund, es blinkt und glitzert, schön, ne?

Sonntag, 30. November 2014

Wie alles nach zwei Monaten aussieht

Was denkst Du über Kolumbien? Was denke ich über Kolumbien und wie ist es nun wirklich?
Regelmäßig erreichen Schreckensmeldungen deutsche Nachrichtensender, Morde, riesige Drogenlandungen verschwinden im Hamburger Hafen, direkt aus Kolumbien importiert, und immer wieder die schlechte Nachricht, wenn die Guerilla, die kolumbianische Drogenmafia, wieder an Stärke gewinnt.
Im Gegensatz dazu erzählen wir von wunderschöner Natur, von Menschen, die so viel Positives in sich tragen, ihr Hab und Gut mit uns teilen, obwohl es oft nur wenig ist; oder von dem tanzenden Volk, das sich so wunderbar bewegen kann und die Emotionen mit jedem Tanz nur so heraus sprühen.
Ja, tatsächlich hat dieses Land beide Seiten, die erschreckende, aber auch die wunderschöne. Wenn man zum ersten Mal hier in diesem fernen Land ist, erscheint einem alles wie in einem Traum. Mir hat so vieles sofort gefallen, doch ich glaube, viele Sachen habe ich mir schöngeredet, habe mich vielleicht von den Kolumbianern anstecken lassen und mich über das gefreut, was gut ist, doch nach und nach passieren Dinge, die mich wach rütteln, die einem sagen, wo wir sind: in einem Zentrum der Bandenkriege, der Armut und der Gewalt. Manchmal sagen wir, wir sehen alles, aber doch nichts. Wir sind hier und können alles mit eigenen Augen anschauen, aber so vieles passiert hinter den Kulissen, hinter dem Schleier, der uns vorgehalten wird. Gerade in dieser Zeit steigt die Arbeitslosenzahl sehr hoch, weil viele Menschen Jahresverträge haben und die jetzt auslaufen.
Für uns Deutsche ist das alles manchmal sehr schwer zu spüren. Mehrmals wurde nachts an unserer Tür gerüttelt, am Anfang blieb einem noch das Herz stehen, beim dritten oder vierten Mal wartet man nur noch, bis es vorbei ist. Eine von uns wurde schon früh morgens ausgeraubt. Auf den Straßen begegnen einem die hungernden Blicke der Heimatlosen, die auf dem Boden bei den Ameisen liegen und nach Wasser fragen. Diejenigen von uns, die in Siloé, einem der ärmsten Viertel Calis, arbeiten, bekommen noch mehr von der Gewaltrealität mit. Schießereien, Menschen, die mit blutverschmierten Augen verschwinden. Neulich ist wieder ein zwölfjähriges Mädchen aus versehen erschossen worden, es stand zur falschen Zeit am falschen Ort. Ist es normal, dass in einer Woche in einer Stadt von 2,6 Millionen Einwohnern vierunddreißig Menschen ermordet werden? Natürlich nicht, aber hier ist es die Realität, vielleicht sogar die Normalität.
Als ich im ersten Monat gefragt habe, warum ich nicht alleine von meiner Arbeitsstelle zum Jeep laufen darf, mit dem ich nach hause fahre, obwohl es ein Fußweg von zwei Minuten ist, wurde mir so einiges bewusst: Ich arbeite in einem Ort, in dem Auftragsmörder wohnen. Sie sind noch nicht einmal teuer. „Letzte Woche wurde wieder jemand hier ermordet, aber das passiert natürlich nicht immer“, wurde mir erzählt. Und hier sollte ich nun tagtäglich arbeiten? Ja, und nun ist es schon so normal, die Menschen kennen und grüßen mich, die Kinder freuen sich, mich auf der Straße zu sehen, die Mütter lächeln einen dabei an, was sie sonst nicht tun würden, wenn ihre Kinder nicht so vertraut mit mir wären. Ich fühle mich tatsächlich inzwischen sehr wohl hier in Bellavista, dem Ort in dem ich arbeite.
Mit den Kindern meiner Einsatzstelle rede ich viel über ihre Familien. Manchmal überlegen wir, wie die Menschen mit den Gefahren und den Geschehnissen zurecht kommen und inzwischen wissen wir: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, aber er kommt damit nicht zurecht. Doch diejenigen, die an der politischen und sozialen Situation etwas ändern wollen, können es nicht, und die, die etwas ändern könnten, wollen es nicht. Wo sollte man also anfangen? Mit drei Jungs aus meiner Freiwilligengruppe war ich zusammen mit der Einsatzstelle des einen auf einem Ausflug. Es ist eine Fundacion, die sich um Jugendliche und junge Erwachsene kümmert, die nicht mehr zur Schule gehen und keine Zukunftsperspektive mit Arbeit finden können. Davon gibt es viele hier, sehr viele, aber für ein paar von ihnen lassen sich Wege finden, die aus der Zwickmühle zwischen Armut, Kriminalität und Gewalt herausführen. Wir sind mit dem Bus in einen Freizeitpark gefahren, haben dort Fußball und Tischtennis gespielt und sogar baden konnten wir in einem großen Pool. Doch nach einer Busfahrt mit der Gruppe sind mir fast die Ohren abgefallen. Ich denke darüber nach, warum erwachsene Menschen zwischen 20 und 30 Jahren so unglaublich laut sind und ich mich wie auf einer Klassenfahrt nach einer zehnstündigen Busfahrt fühle. Und warum sind die Kinder aus meiner Musikschule so anders, so ruhig und konzentriert, obwohl viele vergleichbare Dinge schon im Kindesalter erlebt haben. Wir können stundenlang ruhig auf einen Auftritt warten oder ein zweistündiges Konzert spielen, ohne, dass jemand anfängt, herumzubrüllen.
Ferienentlassungsfeier im Colegio de las Aguas Montebello
Ich glaube, es ist die Musik, die die Kinder so verändert, die sie so verantwortungsvoll und selbstkontrolliert erscheinen lässt. Dadurch, dass sie Wertschätzung erleben, können sie das anderen gegenüber weitergeben. Das Gefühl, wichtig zu sein, denn in einem Orchester ist jeder unverzichtbar, gibt den Kindern und Jugendlichen so viel Selbstbewusstsein, um für ihre Zukunft zu kämpfen und sie in die eigene Hand zu nehmen. Jemand anderes übernimmt das nicht, denn die Eltern sind selbst dem ständigen Kampf um Arbeit ausgesetzt. Es gehört zur Normalität, dass Kindern die Eltern fehlen, besonders oft bekomme ich zu hören, dass ein Vater nicht mehr da ist. Der Satz eines Lehrers hat es auf den Punkt gebracht: „Die Frauen müssen um die Männer kämpfen, denn es gibt nur wenige von ihnen“. Dabei hat er gelacht. Erst war ich nicht ganz sicher, was er damit meinte, aber schnell wurde mir sehr bewusst, wo all’ die Männer hin sind... Noch nicht lange ist es her, da habe ich mit einer Schülerin geredet, Smalltalk über die Familie. Dass sie ungefähr zwanzig Cousins und Cousinen hat, aber nur eine Tante, machte keinen Sinn, doch dann fiel ihr noch ein, dass sie einmal zwei Onkel hatte, die aber nicht mehr leben. Sie erklärte es mir so: „Drogas“. Was genau dahinter steckt, weiß ich nicht.
Die Kinder aus meiner Fundación sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Ich habe die Hoffnung, dass aus ihnen andere Menschen werden. Menschen, wie sie es in diesem Moment gerade sind, wenn die Zukunft noch nicht in ihren Händen liegt. Manche träumen davon, Musik zu studieren, andere wollen zur Marine oder Koch werden. Oft hört man, „Ich will studieren“, doch das ist sehr schwierig, wenn man aus armen Verhältnissen stammt. Nur diejenigen, die die besten Abschlusszeugnisse haben, dürfen sich für ein Stipendium bewerben. Doch auch dann muss ein Eigenanteil aufgebracht werden, der für viele nicht möglich zu machen ist. Für den Großteil der Jugendlichen ist es noch unmöglicher zu studieren, weil sie die Schule mit zu schlechten Zeugnissen beendet haben. Doch ich weiß, die Kinder wissen wie man kämpft. Genauso, wie sie für ein Konzert üben müssen, bei dem sie alle ein wichtiger Teil des Gesamtklanges sind, müssen sie für ihre Zukunft kämpfen. Und das haben sie in der Fundación Notas de Paz gelernt. Die Lehrer hier leben es ihnen vor, motivieren sie, zeigen ihnen, wie man etwas erreicht. Und ich bin froh, dass die Kinder von Bellavista das so erleben dürfen, denn in den Schulen sieht es oft schon ganz anders aus.
Das ist aber auch der Grund, warum ich mich oft überflüssig fühle. Das, was ich vermitteln möchte, ist in dieser Fundación schon längst Normalität. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, Eigenverantwortung und ein respektvoller Umgang sind die höchsten Regeln und das ist gut und richtig. Daher sind meine Pläne, nach Weihnachten, wenn die Ferien zu ende sind, mehr im Colegio de las Aguas in Montebello zu arbeiten. Bis dahin werde ich die Ferienbetreuung für die Kinder von Montebello mitgestalten. Die Schule hat ein Interesse daran, den Musikunterricht dort weiter auszubauen. Instrumente werden zum Teil von einer anderen Institution gestellt, die von meinem Dirigenten des Orchesters hier in Bellavista geleitet wird. Vielleicht kann ich das musikalische Fundament, das in Montebello schon vorhanden ist, weiter mit ausbauen, um langsam dort hinzuarbeiten, wo die Kinder der Fundación Notas de Paz schon sind. Montebello ist eines der ärmsten Stadtteile Calis. Eine Familie mit Kindern braucht dort in der Woche umgerechnet circa acht Euro für alles, unvorstellbar aber wahr.
Bisher gibt es schon Gitarren-, Flöten-, Cello-, Trompeten- und Geigenunterricht. Gerade ist eine neue Spende von fünf E-Pianos eingetroffen, die darauf warten, zum Leben erweckt zu werden. Es ist ein Traum, dass sich bald auch dort die Klänge von verschiedenen Instrumenten und Stimmungen mischen. Klaviermusik klingt gerade in diesem Moment in meinen Ohren mit dem Trommeln einer Pauke und den sich immer wieder wiederholenden Töne einer kleinen Geige. Genau diese Pläne und Hoffnungen für Montebello teile ich mit vielen anderen, nur ist der Musikraum noch nicht ganz fertig und an der Ausstattung fehlt es ebenso. Dies ist der Raum, für den auch ihr mitkämpft, indem ihr gespendet habt. Immer wertvoller werden all’ diese Spenden inzwischen, da ich mit eigenen Augen sehen kann, was es bewirkt, Musik mit den Kindern zu machen. Ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen uns vertrauen und es möglich machen, dass wir mehr Raum schaffen, um Montebello zum Klingen bringen.
Musik bedeutet Frieden und Zusammenhalt, eigene Stärke und Harmonie, die Welt der Klänge bietet Raum für Umgänglichkeit und gegenseitige Hilfe statt dem Kampf um die eigene Person, um das eigene Überleben und das eigene Leben.

Montag, 24. November 2014

Geburtstagswünsche...

Es ist Mittagspause. Gleich nebenan gibt es einen kleinen Imbissladen, in dem es ziemlich typisch kolumbianisches Essen gibt. Reis Fleisch, Linsen und Salat, als Vorspeise Suppe mit gestampftem Mais. Auch die Platanochips (frittierte, salzige Bananen) fehlen zum Glück nicht, denn die mag ich besonders. Zum trinken wird Agua Panela serviert, Wasser mit Limettensaft und Rohrzucker, denn das wächst hier außerhalb von Cali in großen Mengen.
Plötzlich höre ich ein leises, zartes Stimmchen sprechen. „Hola Sofi“. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das Mädchen schon einmal gesehen habe, aber sie weiß meinen Namen, vielleicht geht sie auf die Schule in Bellavista, dem Ort, in dem ich arbeite. Diese Schule hatte ich mir für zwei Tage angeschaut, um nach einer weiteren Arbeitsstelle zu suchen.
Ich frage sie, was sie hier macht und wundere mich kaum, dass sie mir erzählt, dass sie ihrer Mutter helfe, die für mich kurz vorher das Essen zubereitet hat. Ihre große Schwester auch. Wir reden über die Ferien, die ab morgen anstehen und ich frage mich, was sie wohl die ganze Zeit allein machen würde. Wahrscheinlich das, was sie gerade in diesem Moment macht: warten, bis die Zeit vergeht. Ihre Augen fangen an zu leuchten und voller Stolz erzählt sie mir, dass sie mit ihrer Mutter und ihren beiden großen Schwestern ins Schwimmbad fahren wird. Ich frage sie, wo es eines gibt, aber das kann sie mir nicht sagen, denn vermutlich hat sie außer diesem Stadtteil noch fast keinen anderen Teil von Cali gesehen, wie viele Kinder hier in Bellavista.
Wir nehmen uns vor, dass ich öfter bei ihr vorbeikommen werde, damit wir gemeinsam Englisch üben können. Schon gleich fangen wir mit den Farben auf englisch an und probieren es dann mit den Tieren, aber mein Wortschatz ist nicht für die tropische Tierwelt ausreichend.
Ihre großen, dunklen und wunderschönen Augen schauen mich an, ganz schüchtern. Sie will mir was sagen: „Ich habe morgen Geburtstag!“. Neun Jahre alt wird sie. Sie fragt mich, ob ich sie besuchen kommen werde, um mir ihrer Mutter und den beiden Schwestern beisammen zu sein. Ich erschrecke mich, dass es mich kaum mehr überrascht, dass ein Papa wohl nicht mitfeiern wird.
Ich frage natürlich nicht danach, aber was ich wissen will ist, was sich diesen Mädchen wohl wünscht. Ich denke an meine Kindheit, an die Wunschlisten, die meine Freunde zu jedem Geburtstag und zu jedem Weihnachtsfest geschrieben haben. Ein Ponyhof von Playmobil, Puppenbetten, eine elektrische Eisenbahn oder ein Fußball. Ich weiß, dass ihr Wunschzettel anders aussehen würde, aber ich kann meinen Ohren nicht trauen, als ich höre, dass sie sich einen Termin beim Zahnarzt wünscht...

Sonntag, 16. November 2014

Unser Ausflug nach La Buitrera und wenn einem mal wieder die Haare um die Ohren fliegen...

Wenn ihr euch nun fragt, warum mein Blogeintrag schon wieder damit anfängt, dass die Woche einfach nur frustrierend war, weil ich von Montag an mit einer Sehnenscheidenentzündung zuhause saß, anstatt zu arbeiten, dann könnt ihr euch nicht vorstellen, wie schön sie geendet hat. Aus unserem geplanten Ausflug in die Tatacoawüste wurde natürlich nichts, weil ich nicht laufen konnte, jedoch noch weniger mit den Krücken, mit denen ich aussah, wie ein Kriegsveteran. Irgendwie gibt es hier noch nicht solche, die es bei euch in Deutschland gibt, sodass ich schnell wieder auf sie verzichtete.
Eigentlich wollte ich diese Woche dafür sorgen, dass ich vormittags nach Montebello in das Colegio de las Aguas (die Schule, die von meiner Organisation gegründet wurde) darf, weil ich von 8:00 bis 14:00 fast nie etwas in meiner Fundación Notas de Paz zu tun habe. Aber so saß ich eine ganze Arbeitswoche hier zuhause und habe mich geärgert, dass ich letzten Freitag Fußball gespielt habe. Aber alles kann sich so schnell ändern, besonders hier in Kolumbien, wo aus jeder fetten Gewitterwolke plötzlich die Sonne herausbricht und einem eine wunderschöne Überraschung bereitet.
Ornella und Luz (Janas Nachbarin)
Jana hat uns zu sich nach Hause nach La Buitrera in ihre kleine Wohnung eingeladen, wo sie die Woche über mit Laura wohnt, weil sie in einem Dorf weit außerhalb von Cali in einer Schule arbeitet. Zu sechst (Ornella, Jana, Nora, Charlotte, Daria und ich) haben wir uns in zwei Betten gequetscht, aber haben den Abend so wunderbar an einem Pool genossen, der direkt neben ihrer Wohnung ist. Als ich von einem Einkauf wiederkam, saßen alle mit einer Mango in der Hand am Rand. Das ist Kolumbien, das ist das Leben hier, wo der Mangobaum direkt vor der Tür steht und einem das Leben wortwörtlich versüßt.
Heute hatten wir geplant, in das Dorf zu fahren, in dem Susi in dem Kinderheim Oscar Scarpetta arbeitet und in dem es viele Pferde zum reiten geben sollte. Tatsächlich landeten wir auf einer wunderschönen Ranch, wo es Pferde, Hunde, Gänse und Hühner gab. Ein bisschen war es wie im Film, aber alles änderte sich, sobald ich auf dem einen Pferd saß, was wir uns für diesen Tag teilen mussten, weil wir uns nicht vorher angemeldet hatten.
Nora hatte vorher noch gefragt, ob dies nun ein Caballo tranquilo (ruhiges Pferd), oder eben ein nicht so ruhiges sei. Jaja, muy tranquilo, war die Antwort des netten Herren, der uns besonders freundlich auf seiner Ranch begrüßt hatte. Doch sobald ich oben saß, natürlich ohne Helm, war ich mir sicher, das würde kein entspannter Ritt werden. Aber ich saß oben und das war ein perfektes Gefühl, ich durfte seit vielen Jahren mal wieder reiten und als ich das zweite mal auf dem Pferdchen saß, ging es erst richtig los. Die Haare flogen mir um die Ohren, als ich im schnelle Galopp den Zaun und den Baum auf mich zufliegen sah. Doch so anstrengend es war, es war einfach unbeschreiblich schön. Mein Freundchen machte, was es wollte, aber so langsam holte ich mein Reitwissen wieder hervor und immer mehr hatte es mit Reiten zu tun, anstatt mit dem „oben auf dem Pferd bleiben“.
Der Tag war so perfekt, dass er gar nicht besser hätte sein können. Ein riesen Dankeschön an meine Big-Colombia-familia!